Das Licht
Es war einmal ein Mann, der wohnte in einer kleinen Hütte an einem See. Die Nachbarn waren nah genug, dass man sich gegenseitig half, und weit genug weg, um seine Ruhe zu haben.
Sein ganzes Leben hatte er gearbeitet, das hatte ihm Freude bereitet, auch wenn er dafür manch einen Traum ziehen lassen musste. Er wäre gerne gereist, hätte andere Länder und Kulturen entdeckt, aber er hatte andere Entscheidungen getroffen. Damals.
Heute waren ihm große Reisen nicht mehr möglich. Er wurde langsam älter, er merkte es an seinem steifen Knie, das ihm zunehmend Schmerzen bereitete. Die Zeit war ihm nicht mehr wichtig, manchmal saß einfach nur mit seinem Kaffee vor seiner Hütte und schaute der Sonne zu, wie sie über den Bäumen aufging und ihre Bahnen zog.
Damit sein Knie nicht vollends steif wurde, ging er jeden Morgen eine Runde durch den Wald. Er lauschte den Vögeln, die ihn, so schien es ihm zumindest, jeden Morgen zwitschernd begrüßten, als würden sie ihn wieder erkennen. Wenn er stehenblieb und dem Gesang lauschte, fragte er sich manchmal, ob er in seinem Leben vielleicht einen anderen Weg hätte einschlagen sollen. Dazu war es mittlerweile zu spät, dachte er.
Eines Morgens lief er wie jeden Tag durch den Wald, da blitzte auf einmal etwas zwischen den jungen Birken auf, die dort wie eine kleine Gruppe bleicher Geister zwischen all den Tannen standen. Es war so kurz, dass er gar nicht sagen konnte, ob es ein Licht oder nur ein davon fliegender Vogel war, deswegen beachtete er das nicht weiter und setzte seinen Weg fort.
Eines T
Der Nebel, der am Abend zuvor die Umrisse seiner Umgebung verschluckt hatte, war in der Nacht gefroren und alle Pappeln, Gräser und Hagebuttenbüsche waren vom Raureif wie mit Puderzucker verziert. Im Wald wehte kein Lüftchen und kein Vogel sang, als würden die Vögel ihn beobachten und ihn nicht von seinem Weg ablenken wollen.
Er kannte den Weg zu den Birken genau und als er dort war, blieb er stehen. Sein Atem dampfte und verlor sich in der kalten Morgenluft.
Er starrte zwischen die Bäume, aber er sah nichts. Er drehte sich um sich selbst herum, hoffend, dass es vielleicht auf der anderen Seite sein würde. Auch da war nur die Dunkelheit des Waldes. „Wo bist Du? Jetzt bin ich da, warum zeigst Du Dich denn nicht?“ schrie der Mann. „Du wolltest doch, dass ich herkomme, oder nicht?“
Das Licht zeigte sich nicht und der Mann stampfte zu den Birken, rannte um sie herum und schüttelte die Birken, als könnte er das Licht von ihnen herunterregnen lassen. Nichts geschah.
„Was bin ich nur für ein Narr, dass ich einem Licht hinterherrenne!“. Der Mann schüttelte seinen Kopf. „Wenn ich das irgendjemandem erzählen würde, würden die mich für verrückt halten. Und ich weiß noch nicht mal, was mir dieses Licht überhaupt bringen soll. Ich sollte besser nach Hause gehen und einen heißen Holundertee trinken.“
Er umrundete die alte umgestürzte Eiche, um zum Waldweg zurückzugehen, da sah er es wieder aufleuchten.
(…)
Die ganze Geschichte gibt es jetzt in meinem Buch:
Die Schnecke der Eremitin - Magische Erzählungen zwischen Aufbruch und Ankommen.