
Blog
Seelen-Geschichten-Blog
Hier findest du persönliche Beiträge, Geschichten, Gedichte und Veranstaltungsrückblicke aus meinem Alltag als Autorin.
Ich freue mich, wenn du meine Beiträge kommentierst oder weiterempfiehlst!
Wenn du über Neuigkeiten informiert werden möchtest, dann melde dich bei meinem Newsletter an.
Sternenfunkeln
Sternenfunkeln.
Sie fielen herab vom Himmel, durch die tiefe dunkle Nacht, immer weiter der Erde entgegen.
Sie streiften die Wolken, rauschten durch das weiche WEiß hindurch, liebkost von der kühlen Feuchtigkeit.
Immer tiefer und tiefer fielen sie, bis sie langsamer und langsamer wurden, je näher sie der Erde kamen.
Sie setzten sanft auf dem Boden auf und pulsierten dort, immer dunkler werdend, bis ihr Licht vollkommen erlosch.
Doch sie sind da.
Immer noch da, verborgen im Staub der Erde, versteckt unter den Steinen. Und sie senden noch immer ihr Licht, auch wenn niemand es sehen kann.
Mehr Magie bitte
Neulich dachte ich so: Ich hätte gerne wieder mehr Magie in meinem Leben. Über all dem Alltag, den kleinen und großen Herausforderungen des Lebens ist mir das Funkeln abhandengekommen.
Neulich dachte ich so: Ich hätte gerne wieder mehr Magie in meinem Leben. Über all dem Alltag, den kleinen und großen Herausforderungen des Lebens ist mir das Funkeln abhandengekommen.
Zwei Tage später: Mein Mann und ich fahren raus aus Berlin nach Lübars, um dort mit dem Hund ein wenig spazieren zu gehen. Nach einer kleinen Runde, unsere Hundedame ist schließlich schon alt, versuche ich den Tegeler Fließ zu finden, damit Alma ein bisschen ins Wasser kann. Mein Mann sucht derweil nach einem schönen Motiv, das er zeichnen kann.
Als wir zu ihm zurückkommen, setze ich mich zu ihm ins Gras, schaue kurz auf den Boden und denke: Oh, was ist das denn?
Wow, es ist ein kleines Reh-Geweih (oder ist es ein Gehörn?).
Manchmal hilft das Wünschen anscheinend doch ;-)
Rückblick Talkshow
Vor ein paar Tagen war ich zu Gast bei Matthias Rische, dem Berliner Lesebühnen-Veranstalter. Ein schöner und unterhaltsamer Abend, mit Gesprächen, Gesang und Inspiration!
Vor ein paar Tagen war ich zu Gast bei Matthias Rische, dem Berliner Lesebühnen-Veranstalter. Ein schöner und unterhaltsamer Abend, mit Gesprächen, Gesang und Inspiration!
Hier ein paar Bilder dazu…




Michael
Als Michael jung war, war Michael Jackson sein Idol. Doch Michael wurde erwachsen und vergaß den Helden seiner Kindheit
Als Michael jung war, war Michael Jackson sein Idol. Seine Musik, wie er sich kleidete, aber vor allem war es seine unnachahmliche Art sich zu bewegen, die ihn immer mit Bewunderung erfüllt hatte.
Michael wurde erwachsen, vergaß den Helden seiner Kindheit, fand andere Idole und eines Tages auch eine Frau, mit der er sein Leben teilen wollte. Sie heirateten, bauten ein Haus, bekamen Kinder, so wie er es sich immer vorgestellt hatte.
Eines Abends saß Michael auf der Terrasse, die Terrassenplatten mit den grau-braun-weißen, runden Steinen waren warm von der Sonne. Er wärmte seine nackten Fußsohlen an den Platten, denn die Luft war schon merklich kühler geworden. Er griff zu seinem Glas Wein, trank genussvoll einen Schluck und schaute in den Abendhimmel, der von rötlich scheinenden Wolken überzogen war. Seine Frau und die Kinder waren bei seiner Schwägerin und er hatte einen dieser seltenen Abende ganz allein für sich.
~~~~
Ein leichter Wind brachte die Blätter der Platane zum Rascheln und im angrenzenden Wald rief ein Käuzchen seinen klagenden Laut. Michael atmete tief aus. Eigentlich war er ganz zufrieden mit seinem Leben. Der Job lief gut, mit den Kindern war alles in Ordnung, auch wenn die pubertierenden Teenager ihn manchmal ganz schön herausforderten. Doch wenn er ehrlich war, fehlte ihm etwas. Er spürte das nicht immer, nur an solchen Abenden, wenn es um ihn herum still geworden war.
Michael wusste nicht, was ihm eigentlich fehlte. Ja, manchmal war er ein wenig neidisch auf andere, die in seinen Augen erfolgreicher erschienen, doch ihm war klar, dass das nicht der wirkliche Grund war für seine melancholischen Momente. Wie jedes Mal, wenn er nicht weiterkam mit seinen Gedanken, griff er zu seinem Handy, um ein wenig Musik zu hören.
Er öffnete die Musik-App und es wurden ihm Lieder von Sängern vorgeschlagen, die er nicht kannte. Er lächelte. Da war wohl seine Tochter wieder einmal heimlich an seinem Handy gewesen und hatte ihre Lieblingslieder angehört. Sie behauptete immer, mit seinem Handy würden die Songs viel besser klingen. Er hatte sie schon oft gebeten, das zu lassen, damit seine Playlist nicht durcheinandergeriet, doch gegen seine eigenwillige Tochter war einfach kein Kraut gewachsen. Neugierig spielte er ein paar Lieder an, weil er wissen wollte, welche Musik seine Tochter gerade interessierte.
~~~~
Sein Zeigefinger tippte sich von einem Song zum anderen und er folgte so den Vorschlägen der App, bis ihm auf einmal „Beat it“ von Michael Jackson empfohlen wurde. Michael stutzte, er hatte schon lange kein Lied mehr von seinem alten Idol gehört. Er startete den Song und die Klänge des ihm sehr vertrauten Liedes ertönten.
Michael drehte die Lautstärke an seinem Handy hoch, doch das war ihm einfach nicht laut genug. Deswegen stand er auf, holte die große Lautsprecherbox, die seine Tochter oft benutzte und stellte sie auf den Terrassentisch. Dann verband er beide Geräte miteinander und drehte die Musik gerade so laut auf, dass er damit die Nachbarn nicht stören würde.
Er setzte sich wieder in seinen Terrassenstuhl, wippte mit dem Kopf im Takt und erinnerte sich daran, wie er damals, wenn seine Eltern beim Kegelabend waren, die große, schwarze Musikanlage im Wohnzimmer aufgedreht hatte, bis die roten Leuchtdioden aufleuchteten. Immer wieder hatte er versucht, so zu tanzen wie sein Idol, doch es war ihm nie gelungen, sooft er auch die Bewegungen in den Musikvideos studiert hatte. Irgendwann hatte er aufgegeben zu tanzen.
Beat it, beat it, just beat it, sang Michael Jackson und der Song schwebte über die Terrasse hinaus bis in den Wald, wo das Käuzchen mittlerweile verstummt war. Michaels Füße wippten zur Musik, bis der Song endete, und auf einmal war es wieder still. Erschreckend still. Michael griff zu seinem Handy, tippte auf „wiederholen“ und wieder erklang „Beat it“ aus den Boxen. Er hörte den Song zum zweiten Mal und mittlerweile schwang sein ganzer Körper im Rhythmus der Musik mit.
~~~~
Am Abendhimmel waren derweil graue Wolken aufgezogen und ein Gewitter kündigte sich an. Michael saß in seinem Terrassenstuhl, „Beat it“ lief zum dritten Mal. Er sah gerade in den Himmel, als dort ein mächtiger Donner entlang rollte und ein riesiger Blitz den Abendhimmel erhellte. Als wäre das der Funken gewesen, den Michael gebraucht hatte, sprang er auf, riss sein Hemd mit beiden Händen auf und begann zu tanzen.
Er tanzte nicht wie Michael Jackson, schließlich war er nicht Michael Jackson. Das wollte er auch gar nicht mehr. Er wollte tanzen, wie er, Michael, tanzen wollte. Schwungvoll schwang er seine Hüften, schnippte mit den Fingern, warf die Arme in die Luft und schob seine Füße am Boden entlang.
Er drehte sich um seine eigene Achse, verlor dabei beinahe das Gleichgewicht und konnte sich gerade noch wieder fangen, nur um dann die ganze Terrasse als seine Bühne zu benutzen. Es war ihm egal, ja, er dachte noch nicht mal daran, ob die Nachbarn ihn beobachten oder ob seine Familie nach Hause kommen könnte.
~~~~
Als das Lied zu Ende war, tippte er atemlos auf sein Handy, damit jetzt ein Song nach dem anderen von seinem Jugendidol gespielt wurde. Er drehte den Lautstärkeregler so weit auf, wie es nur ging und bedauerte kurz, dass es keine roten Leuchtdioden mehr gab, die ihm zeigten, dass er nun eine Grenze überschritt. Ein Hit nach dem anderen erklang: Thriller, Dirty Diana und viele weitere, deren Namen er dachte schon vergessen zu haben.
Und Michael tanzte, er tanzte jeden Song, schwang die Hüften, kickte die Füße in die Höhe, drehte sich hin und her, hüpfte, warf den Kopf zurück und überließ der Musik die Führung über seinen Körper. Der Regen, der mittlerweile vom Himmel prasselte, war ihm vollkommen egal: Sein Haar klebte an seiner Stirn, das Hemd war klitschnass und seine Jogginghose klebte an seinen Beinen. Er trank den mittlerweile mit Regenwasser verdünnten Wein, und tanzte, als wäre gerade Weltuntergang und heute Abend seine allerletzte Chance, so zu tanzen, wie es schon immer in ihm gesteckt hatte.
Der Aal
„Was ist es wirklich?“, die Frau blickte fragend über sich zu den Blättern des Baumes hinauf, unter dem sie sich auf den Boden gesetzt hatte.
„Was ist es wirklich?“, die Frau blickte fragend über sich zu den Blättern des Baumes hinauf, unter dem sie sich auf den Boden gesetzt hatte. Sie lehnte sich an den breiten Stamm und legte den Kopf in den Nacken. Die tiefen Furchen der Rinde drückten hart in ihren Rücken und waren alles andere als ein weiches Kissen für ihren Kopf.
Doch sie nahm das kaum wahr, denn sie schaute den zartgrünen Lindenblättern zu, die im Licht der Sonne und vom Wind bewegt tanzten. Es schien so leicht zu sein dort oben, voller Licht und Beweglichkeit, während sie hier unten saß, auf der harten Erde, wo Steinchen unangenehm in ihren Hintern piksten. Sie sehnte sich nach dem Spiel der Blätter, wäre gerne selbst so durchscheinend beweglich, aber sie fühlte sich alles andere als das. Sie fühlte sich schwer und unbeweglich.
Die Frau zog ihre Beine an und verschränkte ihre Arme auf die Knie, um ihren schweren Kopf daraufzulegen. Ihre Augen schlossen sich wie von allein und sie seufzte.
(…)
Die ganze Geschichte gibt es jetzt in meinem Buch:
Die Schnecke der Eremitin - Magische Erzählungen zwischen Aufbruch und Ankommen.
Das Raunen der Bäume
Sie treffen sich ganz weit oben. Fern von der Erde, in Richtung Himmel. Sie flüstern miteinander, raunen sich rauschend und raschelnd Botschaften zu. Doch worüber wispern die Bäume, frage ich mich.
Sie treffen sich ganz weit oben. Fern von der Erde, in Richtung Himmel. Sie flüstern miteinander, raunen sich rauschend und raschelnd Botschaften zu. Doch worüber wispern die Bäume, frage ich mich.
Darüber, wie sehr es sie kitzelt, wenn ein Eichhörnchen mit seinem buschigen Schwanz von Ast zu Ast hüpft?
Erzählen sie sich Geschichten, was sich zu ihren Füßen ereignet hat, ob es Wildschweine waren oder Rehe, die vorbeigelaufen sind auf der Suche nach Eicheln und zarten Knospen?
Berichten sie davon, wie tief ihre Wurzeln streben, ob ihnen Felsen im Weg stehen, die sie umschlingen müssen, um an Wasser zu kommen?
~~~~
Oder singen sie, in ihrer ganz eigenen Baumsprache, die niemals ein menschliches Ohr zu hören vermag? Vielleicht tauschen sie sich aus über etwas, was wir weder sehen noch riechen können? Etwas, wofür uns immer die Worte fehlen werden?
Vielleicht gibt es dort oben eine Welt, die ganz anders ist als die, in der wir Menschen hier unten leben?
Können die Bäume uns sehen? Hören sie uns? Spüren sie uns? Interessieren sie sich überhaupt für uns?
Verbinden sie sich dort oben miteinander über winzig kleine Partikelchen, Duftstoffe oder wer weiß, vielleicht weben sie wie die Spinnen Verbindungen von Ast zu Ast, von Baum zu Baum?
Schlafen die Bäume des Nachts in der Dunkelheit? Sitzen dann die Sterne auf ihren Ästen und lassen sich vom Wind in den Schlaf wiegen?
Ich werde den Bäumen lauschen, ihr Raunen einatmen und meine Haut streicheln lassen von ihrem Wispern. Ihre Antworten in mich sinken und ihre Geschichten tief in mir wurzeln lassen.
Ich werde mich mit den Sternen im Wind wiegen, der Kitzeln der Eichhörnchen spüren und Verbindungen weben von einem Ast zum anderen. So lange, bis auch ich, zumindest ein wenig, mit ihnen gemeinsam raune und zu raschele, in unserer gemeinsamen Welt.
Wie hat dir die Geschichte gefallen?
Ich freue mich über einen Kommentar von dir!
Die Klammern
Auf den ersten Blick war der Reisenden gar nichts aufgefallen, als sie in das Dorf gekommen war. Nur die Menschen schienen hier stiller zu sein als anderswo.
Auf den ersten Blick war der Reisenden gar nichts aufgefallen, als sie in das Dorf gekommen war. Es war ein Dorf wie jedes andere auch, mit gackernden Hühnern auf den Wegen, grauen, grob verputzten Häuschen mit kleinen Gärten, in denen mehr Gemüse als Blumen wuchs. Die Reisende hatte zwar den Eindruck, dass die Menschen hier etwas stiller waren als anderswo. Aber sie dachte sich nichts weiter dabei und folgte ihrer Nase, die sie in Richtung Marktplatz führte.
Dort stand ein Bäcker an einem großen Stand mit Broten und Kuchen, sie lief darauf zu, stoppte vor der Auslage und schaute sich die Backwaren an. Sie entschied sich für das, was ihr am unbekanntesten zu sein schien, so machte sie das immer. Schließlich wollte sie immer Neues erkunden und nicht nur das essen, was ihr vertraut war. Die Reisende hob den Kopf und schaute dem Bäcker ins Gesicht, um ihm zu sagen, was sie zu kaufen wünschte. Da sah sie zum ersten Mal die Klammern. Sie pressten dem Bäcker die Haut an seiner Augenbraue so zusammen, dass eine Hautfalte entstanden war. Ohne dass sie sich hätte zurückhalten können, rief sie dem Bäcker zugerufen: “Sie haben da etwas an ihrer Augenbraue!”
(…)
Die ganze Geschichte gibt es jetzt in meinem Buch:
Die Schnecke der Eremitin - Magische Erzählungen zwischen Aufbruch und Ankommen.
Der Punkt
Eine Geschichte über einen Punkt, der so gerne ein Komma gewesen wäre. Oder wenigstens das Tüpfelchen auf dem i.
Es war einmal ein kleiner Punkt. Er war von runder Form, wie ein Punkt nun mal so ist, und dieser Punkt war schwarz. Es gibt auch ganz viele andersfarbige Punkte, libellenblau, grasgrün oder feuersalamandergelb, aber dieser hier war einfach nur schwarz. Er lag herum, und manchmal, wenn ihm danach war, hüpfte er ein bisschen hin und her. So hatte er jedes Mal einen etwas anderen Blickwinkel auf das, was um ihn herum war. Das war ihm meistens genug.
Ab und an kam auch ein anderer Punkt vorbei und dann bildeten sie einen Doppelpunkt. Das war immer sehr aufregend, weil der kleine Punkt spürte, dass das etwas ganz anderes erzeugte. Als wären sie auf einmal ein großes Tor aus dicken alten Eichenbohlen mit verwitterter Klinke, und hinter dieser Tür würde sich ihnen eine ganz neue Welt eröffnen, wenn es ihnen nur gelänge, durch dieses Tor zu gehen. Der kleine Punkt war sehr neugierig auf diese andere Welt. Aber in dem Moment, in dem er aus dem Doppelpunkt heraus hüpfte, schloss sich das Tor. Was ja nicht verwunderlich war, denn er war ja Teil des Doppelpunktes und damit des Tores und konnte schließlich nicht durch sich selbst hindurchgehen.
Der Punkt wusste nicht, was er tun sollte. Er wollte mittlerweile einfach kein Punkt mehr sein.
(…)
Die ganze Geschichte gibt es jetzt in meinem Buch:
Die Schnecke der Eremitin - Magische Erzählungen zwischen Aufbruch und Ankommen.
Auflösung
mich verlieren - nach und nach auflösen - kein wollen oder müssen
mich verlieren
nach und nach auflösen
kein wollen oder müssen
sich hingeben an das Nichts
einfaches sein
ohne Namen oder Identität
loslassen
ganz tief drinnen wissen
dass in der tiefsten Tiefe
am Boden
sich die Kraft entzündet
wie ein Funken
die Energie nach oben drängt
sich ausdehnt und streckt
Form annimmt
Struktur
und Gestaltungswille
selbstbewusst
klar
die Welt verändernd
Dunkelheit
Möge die dunkle Jahreszeit dir Ruhe bringen
das Vertrauen, dass nach der längsten Nacht
das Licht zurückkehrt
Möge die dunkle Jahreszeit dir Ruhe bringen
das Vertrauen, dass nach der längsten Nacht
das Licht zurückkehrt
und dass du geborgen bist
Möge die Energie des neuen Jahres
in dir aufsteigen wie das Wasser
das aus einer Quelle sprudelt
und dich aus der Tiefe nährt
Mögest du den Mut haben
alles aufsteigen zu lassen
was sich zeigen möchte
damit es sich wandeln kann
Möge das neue Jahr dir Wachstum schenken
sonnige Tage
erfrischende Regengüsse
und eine reiche Ernte, die dich lange nähren wird.
Kleiner Spatz
„Flieg, kleiner Spatz, flieg“, ermunterte die Spatzen Mutter ihr kleines Vögelchen. „Ich trau mich nicht“ piepste es und drückte sich noch tiefer in das Nest hinein.
„Flieg, kleiner Spatz, flieg“, ermunterte die Spatzenmutter ihr kleines Vögelchen. „Ich trau mich nicht“, piepste es und drückte sich noch tiefer in das Nest hinein. „Ich kann das nicht!“
Die Vogelmutter seufzte. Alle anderen Küken waren schon lange aus dem Nest geflogen und hatten sich ihr eigenes Leben gesucht. Nur dieses eine wollte einfach nicht aus dem Nest raus. Anfangs hatte sie gedacht: Na ja, jedes Küken findet seinen eigenen Zeitpunkt, um sich in die Welt zu wagen. Und dieses eine scheint eben etwas länger zu brauchen. Sie kannte das ja schon aus den anderen Jahren. Also fütterte sie ihr letztes Baby immer weiter. Brachte Regenwürmer, kleine Käfer oder auch mal eine verendete Biene, damit ihr Spatzenjunges wachsen und endlich flügge würde. Doch so oft auch ein neuer Tag heran brach, das Küken wollte und wollte nicht fliegen.
Eines Abends landete die Spatzenmutter mit letzter Kraft auf ihrem Lieblingsast, ein paar Meter über dem Nest. Es war ein heißer Tag gewesen, der sie sehr angestrengt hatte. Sie spürte, dass sie bald nicht mehr die Kraft hatte für zwei zu sorgen. Was sollte sie tun? Ihr Junges einfach verlassen? Sich selbst überlassen in der Hoffnung, dass es seine Angst überwindet und das Nest verlässt und fliegen lernen? Oder es dem Risiko aussetzen, im Nest zu verhungern? Vom Ast zu stürzen, sich die Flügel zu brechen oder von den Krähen oder Eichhörnchen gefressen zu werden? Das brachte sie nicht über ihr Herz. Aber ihr war auch klar: So konnte es nicht weitergehen.
Sie seufzte. „Du bist wirklich alt genug, um zu fliegen. Was ist denn los mit dir?“ Die Spatzenmama schaute liebevoll mit ihren schwarzen Augen zu ihrem Küken. „Lockt die Welt dich da draußen denn gar nicht? Du könntest überall hinfliegen, dich in Pfützen baden, oder im Sand wälzen. Du würdest viele neue Freunde finden und sogar eines Tages selbst ein Nest bauen und Nachwuchs zeugen. Ja, so sogar fliegen könntest du ihn dann beibringen.“
„Ich weiß“ piepste das Küken. „Aber ich traue mich einfach nicht! Was ist, wenn ich gar nicht fliegen kann? Was, wenn alle anderen das können, nur ich nicht?“
„Das ist doch Blödsinn, und das weißt du“, antwortete die Spatzenmama liebevoll. „Alle Vögel können fliegen, also kannst du das auch!“
„Ich habe Angst, abzustürzen und mir weh zu tun. Oder dass die anderen mich auslachen, wenn ich es nicht gleich gut hinbekomme“
„Tja, das kann natürlich passieren, das kann ich dir nicht versprechen, dass du das nicht erlebst. So ist das Leben. Nicht immer gelingt alles gleich und ja, es gibt andere, die über dich lachen, wenn du etwas nicht hinbekommst. Aber das darfst du dir nicht zu Herzen nehmen. Das sagt mehr über die anderen aus als über dich.“
Die Mama dachte nach. „Weißt du was?“ Das Küken sah neugierig zu seiner Mutter. „Wir üben im Nest fliegen.“
„Das geht doch gar nicht“, antwortete der kleine Spatz. „Doch, du wirst schon sehen“, entgegnete die Mutter. „Aber jetzt schläfst du erst mal, gute Nacht!“ Das Küken schloss die Augen, froh, dem Fliegen wieder entkommen zu sein.
Am nächsten Morgen stupste die Mama ihr Kleines an: „Los geht’s! Strecke dich, breite deine Flügel aus!“ „Aber ich habe Angst vorm Fliegen“ kiekste das Kleine wieder. „Du sollst ja auch gar nicht fliegen, Kleines, du sollst dich im sicheren Nest nur größer machen und deine Flügel ausbreiten, soweit du kannst. Mehr darfst du heute gar nicht“, scherzte sie.
Das Küken schaute skeptisch, aber da es ihm mittlerweile selbst unangenehm war, wie ängstlich es war, beschloss es, es einfach mal auszuprobieren. Es streckte und reckte sich, überrascht, wie groß es schon geworden war und dass es sogar ganz leicht aus seinem Nest herausschauen konnte, wenn es sich nicht darin verkroch. Und seine Flügel waren viel breiter als das Nest! Es übte das einige Tage lang, mit wohlwollenden Blicken seiner Mutter, die immer wieder sagte: „Nein, noch nicht fliegen. Nur schön weiterüben.“
Eines Tages streckte es seine Flügel so weit aus und bewegte sie aus dem Bauch heraus auf und ab, sodass es einen kleinen Hüpfer machte. Erschrocken japste es nach Luft und zog sich sofort wieder ins Nest zurück. Die alte Angst, sich zu verletzen oder zu blamieren, war sofort wieder da.
„Alles gut“, sagte die Spatzenmama, „Du entscheidest ganz allein, wie viel du dich traust.“
Am nächsten Tag war das kleine Küken neugierig, ob es wohl wieder einen kleinen Hüpfer hinbekommen würde. Denn so ganz tief im Inneren war da ein Kribbeln in ihm, das ihm ganz neu war. So hüpfte es mal ein wenig mehr, mal ein wenig weniger, probierte sich aus. Und genoss seinen erwachenden Mut und die Kraft, die es durch die Bewegung spürte.
„So ist es gut“, lobte ihn seine Mutter, immer wenn sie im Nest Halt machte, um ihr Nestküken zu füttern.
Mit jedem Tag traute sich der kleine Vogel etwas mehr. Er machte Pause, wenn ihm danach war. Und traute sich, wenn er den Mut dazu hatte. Mittlerweile hüpfte er wild flatternd auf dem Rand des Nestes auf und ab, sodass seine Mutter sogar manchmal Angst hatte, er würde aus Versehen hinunterfallen und dann wären alle Fortschritte wieder vorbei.
Eines Tages kam sie dann vom Jagen zurück und ihr Küken war nicht mehr im Nest. Erschrocken flog sie zum Boden, befürchtete schon, ihn dort zerschmettert am Boden liegen zu sehen. Doch nirgends war etwas von ihm zu sehen. Auf einmal hörte sie ein Flattern und Rauschen über sich und als sie den Kopf hob, sah sie ihren Jüngsten zwischen den Ästen umherfliegen.
„Ich kann fliegen, ich kann fliegen!“ tschilpte der junge Spatz. „Natürlich kannst du das“ freute sich die Mutter, erleichtert, dass ihr Söhnchen nun endlich seinem Wesen folgte und flog.
Letztendlich war es so, wie sie es sich gedacht hatte: Dieses Küken hatte einfach mehr Zeit gebraucht. Aber auch viele kleine Schritte, bis sein Wunsch zu fliegen, größer geworden war als die Angst zu versagen oder gar zu sterben.
Wie hat dir die Geschichte gefallen?
Ich freue mich über einen Kommentar von dir!
Die Leere
Leere ist Fülle. Mit diesem Satz im Kopf war sie aufgewacht, mitten in der Nacht. Draußen war es noch dunkel und ganz still, selbst die Vögel schienen noch zu schlafen.
Leere ist Fülle. Mit diesem Satz im Kopf war sie aufgewacht, mitten in der Nacht. Draußen war es noch dunkel und ganz still, selbst die Vögel schienen noch zu schlafen. Diesen Satz hatte sie irgendwo einmal gelesen und hatte ihn damals schon nicht verstanden: „Leere ist doch leer, da ist nichts. Das ist doch genau der Gegenpol von Fülle!“ Fülle war für sie ganz klar: Freude, tiefe Gefühle, Natur, Schönheit, Erfahrungen und Erlebnisse, aber auch materielle Dinge wie Geld oder Essen. Das war alles andere als leer.
Doch auch wenn sie diesen Satz nicht verstand, so hatte sie doch damals gespürt, dass darin eine Wahrheit lag. Eine Wahrheit, die sie anzog, die sie aber noch nicht erkennen konnte.
Nun also war der Satz wieder da. Mitten in der Nacht.
Sie zog die Stirn nachdenklich zusammen. Sie kannte die Fülle. Immer wieder war sie ihr begegnet und selbst wenn sie ihr einmal nicht so nahe war, so konnte sie sie doch in der Ferne spüren. Doch warum ging ihr bloß dieser Satz mitten in der Nacht durch den Kopf? Sie goss sich ein Glas Wasser ein, trank es in einem Zug aus und legte sich dann wieder ins Bett. Sie wollte jetzt einfach nur schlafen, anstatt über einen Satz nachzudenken, den sie nicht verstand.
Kaum hatte sie die Augen geschlossen, da klopfte es an der Tür. Es klopfte wieder. Nicht hämmernd, sondern sanft.
(…)
Die ganze Geschichte gibt es jetzt in meinem Buch:
Die Schnecke der Eremitin - Magische Erzählungen zwischen Aufbruch und Ankommen.
Angst
„HAHA, ich kriege dich“, rief die Angst und rannte der Seele hinterher. „Und wenn ich dich habe, dann fresse ich dich auf!“ Die Seele erschrak.
„HAHA, ich kriege dich“, rief die Angst und rannte der Seele hinterher. „Und wenn ich dich habe, dann fresse ich dich auf!“
Die Seele erschrak. Sie spürte, wie sich ihr Körper zusammenzog, wie die Angst von ihr Besitz nahm, ohne sie überhaupt schon ganz erreicht zu haben. Sie lief schneller. Suchte nach dunklen Ecken, in denen sie sich verstecken konnte, aber keine Spalte, keine Höhle schien ihr sicher zu sein.
Die Seele lief so lange vor der Angst davon, bis ihr die Luft wegblieb.
Da gab die Seele auf, blieb stehen, drehte sich um und sah der Angst in die Augen: „Da bin ich, du kannst mich haben!“ Die Angst bremste abrupt ab und in blieb in einiger Entfernung stehen: „Wie jetzt, du gibst auf?“
„Ja“, sagte die Seele, „es ist okay. Wenn du mich fressen willst, dann tu das. Aber ich lasse mich nicht mehr von dir einschüchtern und jagen.“
Die Angst stutzte und zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen: „Das geht doch nicht, du kannst doch nicht einfach stehen bleiben. Meine Aufgabe ist es doch, dich zu jagen und deine Aufgabe ist es, vor mir wegzulaufen.“
Die Seele atmete tief ein und wieder aus. „Nein, ich spiele das Spiel nicht mehr mit. Ich will nicht mehr!“
Die Angst machte einen Schritt auf die Seele zu, hob die Arme, um sich noch größer zu machen und rief: „Los, lauf davon, sonst fresse ich dich!“
Die Seele zuckte kurz zusammen, blieb stehen und antwortete: „Nein. Ich laufe nicht mehr davon.“
„Äh“, stammelte da die Angst. „Äh, na ja, also … na dann geh ich halt mal weiter! Aber eines Tages werde ich dich doch fressen!“
„Mag sein“, entgegnete die Seele. „Das werden wir ja dann sehen.“
Wie hat Dir die Geschichte gefallen?
Ich freue mich über einen Kommentar von dir!
Deine Gaben
Gehe in die Tiefe, verbinde Dich mit Mutter Erde, grabe Wurzeln und atme die Weisheit des Planeten ein. Richte Deinen Blick nicht nach außen, das ist zu früh.
Gehe in die Tiefe, verbinde Dich mit Mutter Erde, grabe Wurzeln und atme die Weisheit des Planeten ein. Richte Deinen Blick nicht nach außen, das ist zu früh.
Jeder Samen gräbt erst Wurzeln, um sich nähren zu können. Um sich zu verankern und nicht mit dem nächsten Windstoß davon geweht zu werden. Erst dann streckt er sich ans Licht, nach oben, um sich zu entfalten und zu wachsen. Und er wächst nur so weit nach oben, wie er nach unten wächst.
Es ist ein Gleichgewicht, das gehalten werden muss. Eine Balance.
Nur Wurzeln bringen nichts in die Welt.
Nur Wachstum ohne Verbindung in die Tiefe ist nicht von Dauer.
Wenn Du Dir Zeit lässt, dann werden Deine Knospen sich von allein zeigen.
Wenn Du sie nährst, werden Blüten daraus.
Und dann erst Früchte.
Pflanzenwesen richten sich nicht danach, was die Welt draußen von ihnen will oder erwartet. Sie wachsen aus sich selbst heraus. Und bringen ihre ganz eigene Gabe mit.
Dann kommen andere Wesen, die diese Gabe wertzuschätzen wissen. Die genau von Deinen Früchten genährt werden.
Es sind Deine Blätter.
Deine Knospen.
Deine Blüten.
Deine Früchte.
Vertraue Deinem eigenen Dir innewohnenden Wesen.
Deine Seele weiß, was Du zu tun hast.
Und wann.
Vertraue Dir selbst. Darum geht es.
Vertraust Du Dir selbst?
Wie hat Dir die Geschichte gefallen?
Ich freue mich über einen Kommentar von dir!
Das Baby
Das Baby weint. Die Mama ist nicht da. Das Baby hört auf zu weinen. Es schläft. Die Mama kommt und das Baby freut sich
Das Baby weint.
Die Mama ist nicht da. Die ist irgendwo bei ihrer Mama und kümmert sich um die.
Das Baby hört auf zu weinen. Es schläft.
Mama kommt, das Baby wacht auf.
Doch ach, die Mama ist zwar da, aber mit den Gedanken woanders. Sie ist in der Zukunft.
Das Baby hat Hunger. Die Mama füttert es ein wenig und schaut es liebevoll an. Das Baby freut sich, doch schon ist die Mama wieder weg.
Das Baby weint leise. Es wächst nicht. Es wird zu wenig gefüttert.
Es braucht Zuwendung. Verbindung. Einfach da sein und gehalten werden.
Das Baby verstummt. Es wartet.
Die Mama kommt mal wieder vorbei und schaut auf das Baby. Das Baby schaut erwartungsvoll zurück in die Augen der Mama.
Doch es sieht dort keine Zuwendung, sondern Erwartungen. Es sieht Enttäuschung, dass es nicht so gewachsen ist wie all die anderen Kinder. Und die Mama geht wieder weg.
Das Baby hat Hunger. Es möchte so gerne wachsen, lernen und seine Mama lieben. Doch das kann es noch nicht von allein. Es braucht Zuwendung. Liebe. Geduld. Es kann nicht schneller wachsen als es nun mal wächst.
Das Baby wird krank. Es hustet. Die Mama ist da. Umsorgt es, macht warme Wickel und sorgt sich. Die Mama kann es kaum anschauen, aus Angst, das Baby zu verlieren.
Manchmal zweifelt die Mama auch, ob das überhaupt ihr Kind ist. Vielleicht wäre ein anderes besser für sie?
Manchmal ist alles gut.
Dann ist die Mama gut gelaunt, andere Menschen sind dort, es wird gelacht, gescherzt, das Baby wird herumgereicht.
Alle spielen mit ihm, kitzeln es am Kinn, halten einen Finger hin, damit das Baby es ergreifen kann. Das Baby gluckst und strampelt vor lauter Freude mit Armen und Beinen, als wollte es die ganze Welt umarmen. Doch dafür ist das Baby noch zu klein.
Das Baby spuckt aus, was ihm nicht schmeckt.
Es erbricht, was ihm nicht guttut.
Es kackt aus, was es nicht mehr braucht.
Die Mama mag das nicht. Sie möchte, dass das Baby immer lieblich riecht und glücklich ist. Aber sie weiß nicht, wie sie das selbst machen kann.
Die Mama sieht, dass das Baby nicht wächst. Sie mag es sich kaum anschauen, weil sie sich mehr wünscht.
Sie hat es nicht gelernt, dieses Baby zu nähren.
Sie sieht, wie andere wachsen, erfreut sich daran, aber manchmal ist da auch Neid, dass die anderen es besser hinbekommen.
Das Baby wartet. Es hat Zeit.
Das Baby weiß, dass es immer da sein wird.
Das Baby weiß, was seine Aufgabe ist. Aber es kann es noch nicht aussprechen.
Es braucht Liebe. Und Verbindung.
Es will gespürt werden. Berührt werden. Bewegt werden.
Sanft.
Liebevoll.
Es braucht Zeit zum Wachsen. Um seinen Charakter zu entwickeln.
Aber es ist schon alles da.
Es zeigt sich nur noch nicht.
Wie hat Dir die Geschichte gefallen?
Ich freue mich über einen Kommentar von dir!
Verloren
Eine Frau geht einen Feldweg entlang, der auf einen Wald hinführt. Sie trägt einen Rock aus Leinen, der sanft um ihre Hüfte schwingt.
Eine Frau geht einen Feldweg entlang, der auf einen Wald hinführt. Sie trägt einen Rock aus Leinen, der sanft um ihre Hüfte schwingt. Die Farbe des Rocks ist im gleichen Grau wie das ihrer Haare, die im Wind leicht wippen. Sie geht langsam, gerade zu zögerlich und am Rand des Waldes bleibt sie stehen. Vor ihr ist es dunkel. Die Tannen stehen ihr scheinbar undurchdringlich im Weg. Schlimmer noch, es ist überhaupt kein Weg mehr zu sehen. Aber sie weiß ganz genau: Hier muss ich lang.
Sie zögert, dreht sich um und schaut zurück, wo sie hergekommen ist. Hinter ihr ist ein frisch geerntetes Kartoffelfeld, dahinter ein anderer Teil des Waldes. Obwohl es mittags ist und die Sonne scheint, ist es angenehm warm, der Sommer verabschiedet sich schon nach und nach.
Soll sie wieder zurückgehen? Aber was würde ihr das bringen? Doch nur das Leben, das sie schon seit Jahren lebte. Und dessen ist sie müde. Sie hat es satt, nicht gesehen zu werden. Sie hat es satt, dass niemand sie ernst nimmt. Und wie sie sich eingestehen muss, nimmt sie sich selbst am wenigsten ernst. Warum das so war, weiß sie nicht. Irgendwie schien es schon immer so gewesen zu sein. Das war das, was sie kannte. Manchmal hatte sie darüber nachgedacht, was sie ändern könnte, doch sie hatte nie auch nur einen Hauch einer Idee gefunden.
Dann hatte sie eines Tages diese Botschaft im Kopf gehabt. Sie war gerade dabei, die Asche aus dem Kohleofen zu fegen, als plötzlich eine Stimme in ihrem Kopf zu ihr sprach: Geh in den Wald! Dort wirst Du Deine Antworten finden. Die Frau schaute sich um. Was sollte das denn? Spielte ihr da jemand einen Streich?
(…)
Die ganze Geschichte gibt es jetzt in meinem Buch:
Die Schnecke der Eremitin - Magische Erzählungen zwischen Aufbruch und Ankommen.
Weiblichkeit
Am Anfang war das Ei. Es war.
Vollkommen in seiner äußeren Form, die das Innere schützte.
Am Anfang war das Ei.
Es war.
Vollkommen in seiner äußeren Form, die das Innere schützte.
Vollkommen in seinem Inneren. Formlos. Beweglich in sich und um sich herum schlingernd.
Langsam.
Gemächlich.
Eigenen inneren Impulsen folgend. Ohne Absicht. Ohne Ziel.
Existenz in seiner puren Form.
Es gab kein Dunkel, das Licht war nicht beständig, es änderte sich. Fortlaufend.
Mal war das Licht eingetrübt, als würden dunkle Wolken außerhalb der Eihülle vorbeischweben, mal wurde das Licht heller und heller.
Das Licht war in Bewegung, genau wie das Innere auch.
Das Licht wandelte sich. Verschwamm in Farben, kraftvoll und sanft. Stetig anders.
Es war da.
Es existierte.
Das war alles. Und es war genug.
Manchmal waren da Funken, wie aus einem anderen Universum, fern und doch auch ganz nah.
Es waren viele Funken, umkreisten das Ei, verschwanden wieder. Kamen näher und verschwanden.
Zeitlos.
Einem inneren Impuls folgend, atmete das Ei einen Funken ein. Das formlose Innere verschmolz mit dem Funken und etwas veränderte sich.
Da, wo vorher Formlosigkeit war, war Verdichtung, Verbindung, Zusammenhalt.
Und aus sich heraus teilte sich die Form, und teilte und teilte sich.
Doch sie wurde dadurch nicht kleiner, sondern wurde aus sich heraus größer und größer.
Es entstand Bewegung. Energie baute sich auf, die mehr und mehr wurde, viele neue Formen um sich herum baute.
Mehr und mehr winzig kleine Teile gebaren sich neu.
Während das Ei unterwegs war. Auf dem Weg zum richtigen Platz.
Dort ließ sich das Ei nieder. Sandte Wurzeln aus und nährte, was in ihm wuchs.
Immer noch die Hülle wie eine schützende Hand über dem gehalten, was im Inneren lebte,
Die neue Existenz pulsierte, genährt von dem Ei, genährt von all dem, was um sie herum war.
Es war das Leben selbst, was sich neu gebar. Mehr und mehr und mehr und mehr.
Und das Ei atmet.
Ein und aus.
Ein und aus.
Langsam.
Geduldig.
Einfach seiend.
Am Anfang war das Ei.
Wie hat Dir die Geschichte gefallen?
Ich freue mich über einen Kommentar von dir!
Das Licht
Eines Morgens lief der alte Mann wie jeden Tag durch den Wald, da blitzte auf einmal etwas zwischen den jungen Birken auf, die dort zwischen all den Tannen standen.
Es war einmal ein Mann, der wohnte in einer kleinen Hütte an einem See. Die Nachbarn waren nah genug, dass man sich gegenseitig half, und weit genug weg, um seine Ruhe zu haben.
Sein ganzes Leben hatte er gearbeitet, das hatte ihm Freude bereitet, auch wenn er dafür manch einen Traum ziehen lassen musste. Er wäre gerne gereist, hätte andere Länder und Kulturen entdeckt, aber er hatte andere Entscheidungen getroffen. Damals.
Heute waren ihm große Reisen nicht mehr möglich. Er wurde langsam älter, er merkte es an seinem steifen Knie, das ihm zunehmend Schmerzen bereitete. Die Zeit war ihm nicht mehr wichtig, manchmal saß einfach nur mit seinem Kaffee vor seiner Hütte und schaute der Sonne zu, wie sie über den Bäumen aufging und ihre Bahnen zog.
Damit sein Knie nicht vollends steif wurde, ging er jeden Morgen eine Runde durch den Wald. Er lauschte den Vögeln, die ihn, so schien es ihm zumindest, jeden Morgen zwitschernd begrüßten, als würden sie ihn wieder erkennen. Wenn er stehenblieb und dem Gesang lauschte, fragte er sich manchmal, ob er in seinem Leben vielleicht einen anderen Weg hätte einschlagen sollen. Dazu war es mittlerweile zu spät, dachte er.
Eines Morgens lief er wie jeden Tag durch den Wald, da blitzte auf einmal etwas zwischen den jungen Birken auf, die dort wie eine kleine Gruppe bleicher Geister zwischen all den Tannen standen. Es war so kurz, dass er gar nicht sagen konnte, ob es ein Licht oder nur ein davon fliegender Vogel war, deswegen beachtete er das nicht weiter und setzte seinen Weg fort.
Eines T
Der Nebel, der am Abend zuvor die Umrisse seiner Umgebung verschluckt hatte, war in der Nacht gefroren und alle Pappeln, Gräser und Hagebuttenbüsche waren vom Raureif wie mit Puderzucker verziert. Im Wald wehte kein Lüftchen und kein Vogel sang, als würden die Vögel ihn beobachten und ihn nicht von seinem Weg ablenken wollen.
Er kannte den Weg zu den Birken genau und als er dort war, blieb er stehen. Sein Atem dampfte und verlor sich in der kalten Morgenluft.
Er starrte zwischen die Bäume, aber er sah nichts. Er drehte sich um sich selbst herum, hoffend, dass es vielleicht auf der anderen Seite sein würde. Auch da war nur die Dunkelheit des Waldes. „Wo bist Du? Jetzt bin ich da, warum zeigst Du Dich denn nicht?“ schrie der Mann. „Du wolltest doch, dass ich herkomme, oder nicht?“
Das Licht zeigte sich nicht und der Mann stampfte zu den Birken, rannte um sie herum und schüttelte die Birken, als könnte er das Licht von ihnen herunterregnen lassen. Nichts geschah.
„Was bin ich nur für ein Narr, dass ich einem Licht hinterherrenne!“. Der Mann schüttelte seinen Kopf. „Wenn ich das irgendjemandem erzählen würde, würden die mich für verrückt halten. Und ich weiß noch nicht mal, was mir dieses Licht überhaupt bringen soll. Ich sollte besser nach Hause gehen und einen heißen Holundertee trinken.“
Er umrundete die alte umgestürzte Eiche, um zum Waldweg zurückzugehen, da sah er es wieder aufleuchten.
(…)
Die ganze Geschichte gibt es jetzt in meinem Buch:
Die Schnecke der Eremitin - Magische Erzählungen zwischen Aufbruch und Ankommen.
Der Krebs
Es war einmal ein Krebs, der nicht vorwärts laufen konnte. Was er auch anstellte, wie er seine Beine auch immer bewegte, er kam einfach nicht voran.
Es war einmal ein Krebs, der nicht vorwärtslaufen konnte. Was er auch anstellte, wie er seine Beine auch immer bewegte, er kam einfach nicht voran. Und wenn es ihm dann einmal irgendwie doch gelang einen Schritt nach vorne zu laufen, machten seine Beine automatisch zwei Schritte nach hinten.
Der Krebs wusste nicht mehr ein noch aus. Alle anderen Tiere konnten einfach dorthin laufen wie sie wollten, nach vorne, nach links, nach rechts. Nur ihm gelang es einfach nicht. Immer wieder hatte er es versucht und versucht, aber er hatte einfach keine Ahnung, was er falsch machte.
Eines Tages hockte er wieder auf dem Meeresgrund und das Wasser wogte ihn vor und zurück. Genauso ist es, jammerte der Krebs: „Es geht mal vor und mal zurück, aber ich bleibe immer nur an dieser einen Stelle. Was soll ich nur tun?“
Während der Krebs trübsinnig vor sich hinschaut, schwamm in einiger Entfernung ein Seepferdchen vorbei. Der Krebs dachte sich, vielleicht kann der mir weiterhelfen und rief: „Hallo Seepferdchen, kannst du mal zu mir kommen?“
Das Seepferdchen hielt auf seinem Weg inne, schaute sich fragend umher, bis es den Krebs entdeckt hatte, der sich halb unter einem Stein versteckt hatte. Das Seepferdchen schwamm zum Krebs hinunter.
„Ja, was ist denn?“, fragte es den Krebs und blinzelte mit seinen schwarzen Augen.
„Ich weiß nicht mehr weiter, kannst du mir helfen? Ich würde so gerne vorankommen wie alle anderen Tiere auch, aber ich schaffe das einfach nicht. Wenn es mal einen Schritt vorangegangen ist, treibt es mich irgendwie immer wieder zwei Schritte zurück. Ich habe es schon so oft probiert, es will mir einfach nicht gelingen direkt dahin zu laufen, wo ich hin möchte. Hast du vielleicht eine Idee, was ich machen kann?“, fragte der Krebs.
Das Seepferdchen wiegte nachdenklich seinen Kopf hin und her, denn das machen Seepferdchen so, wenn sie nachdenken. Der Krebs, der das Seepferdchen nicht kannte, wurde ungeduldig und maulte: „Wenn du mir nicht weiterhelfen willst, dann sag’s mir ruhig, dann frage ich jemand anderen.“ Das Seepferdchen jedoch ließ sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen und schaukelte gelassen im Wasser.
„Na ja“, meinte das Seepferdchen. „Wenn es mit dem Vorwärtskommen nicht so klappt, hast du es mal mit dem Rückwärtslaufen probiert?“
„Ja, das habe ich auch schon getan, aber auch das funktioniert bei mir einfach nicht“, seufzte der Krebs. Das Seepferdchen dachte noch mal nach. „Hm, warum läufst du dann nicht einfach zur Seite?“
Der Krebs klapperte verdutzt mit seinen Scheren. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht“, murmelte er nachdenklich. „Aber das macht doch sonst keiner“, warf er dem Seepferdchen entgegen.
„Na und?“, entgegnete dieses. „Hauptsache, DU kannst dich so bewegen!“
Der Krebs bewegte seine Beine vorsichtig seitwärts, erst das eine, dann das andere, dann das nächste und dann alle nacheinander und siehe da: Es ging ganz einfach! Er konnte laufen, wohin er wollte, wenn er nur zur Seite lief und dabei sich ein wenig in die passende Richtung drehte. „Hey, es funktioniert!“, rief der Krebs dem Seepferdchen zu. „Vielen Dank für den Tipp!“
Und vor lauter Begeisterung lief der Krebs seitwärts davon.
Das Seepferdchen schaute ihm verdutzt hinterher und schwamm dann weiter. Der Krebs aber kümmerte sich nicht mehr darum, wohin die anderen liefen, sondern ging seitwärts seiner Wege. Und wenn er nicht gestorben ist, dann tut er das noch heute.
Wie hat dir die Geschichte gefallen?
Ich freue mich über einen Kommentar von dir!
Newsletter abonnieren
Melde Dich an, wenn du mehr Geschichten von mir lesen möchtest: