Kleiner Spatz
„Flieg, kleiner Spatz, flieg“, ermunterte die Spatzenmutter ihr kleines Vögelchen. „Ich trau mich nicht“, piepste es und drückte sich noch tiefer in das Nest hinein. „Ich kann das nicht!“
Die Vogelmutter seufzte. Alle anderen Küken waren schon lange aus dem Nest geflogen und hatten sich ihr eigenes Leben gesucht. Nur dieses eine wollte einfach nicht aus dem Nest raus. Anfangs hatte sie gedacht: Na ja, jedes Küken findet seinen eigenen Zeitpunkt, um sich in die Welt zu wagen. Und dieses eine scheint eben etwas länger zu brauchen. Sie kannte das ja schon aus den anderen Jahren. Also fütterte sie ihr letztes Baby immer weiter. Brachte Regenwürmer, kleine Käfer oder auch mal eine verendete Biene, damit ihr Spatzenjunges wachsen und endlich flügge würde. Doch so oft auch ein neuer Tag heran brach, das Küken wollte und wollte nicht fliegen.
Eines Abends landete die Spatzenmutter mit letzter Kraft auf ihrem Lieblingsast, ein paar Meter über dem Nest. Es war ein heißer Tag gewesen, der sie sehr angestrengt hatte. Sie spürte, dass sie bald nicht mehr die Kraft hatte für zwei zu sorgen. Was sollte sie tun? Ihr Junges einfach verlassen? Sich selbst überlassen in der Hoffnung, dass es seine Angst überwindet und das Nest verlässt und fliegen lernen? Oder es dem Risiko aussetzen, im Nest zu verhungern? Vom Ast zu stürzen, sich die Flügel zu brechen oder von den Krähen oder Eichhörnchen gefressen zu werden? Das brachte sie nicht über ihr Herz. Aber ihr war auch klar: So konnte es nicht weitergehen.
Sie seufzte. „Du bist wirklich alt genug, um zu fliegen. Was ist denn los mit dir?“ Die Spatzenmama schaute liebevoll mit ihren schwarzen Augen zu ihrem Küken. „Lockt die Welt dich da draußen denn gar nicht? Du könntest überall hinfliegen, dich in Pfützen baden, oder im Sand wälzen. Du würdest viele neue Freunde finden und sogar eines Tages selbst ein Nest bauen und Nachwuchs zeugen. Ja, so sogar fliegen könntest du ihn dann beibringen.“
„Ich weiß“ piepste das Küken. „Aber ich traue mich einfach nicht! Was ist, wenn ich gar nicht fliegen kann? Was, wenn alle anderen das können, nur ich nicht?“
„Das ist doch Blödsinn, und das weißt du“, antwortete die Spatzenmama liebevoll. „Alle Vögel können fliegen, also kannst du das auch!“
„Ich habe Angst, abzustürzen und mir weh zu tun. Oder dass die anderen mich auslachen, wenn ich es nicht gleich gut hinbekomme“
„Tja, das kann natürlich passieren, das kann ich dir nicht versprechen, dass du das nicht erlebst. So ist das Leben. Nicht immer gelingt alles gleich und ja, es gibt andere, die über dich lachen, wenn du etwas nicht hinbekommst. Aber das darfst du dir nicht zu Herzen nehmen. Das sagt mehr über die anderen aus als über dich.“
Die Mama dachte nach. „Weißt du was?“ Das Küken sah neugierig zu seiner Mutter. „Wir üben im Nest fliegen.“
„Das geht doch gar nicht“, antwortete der kleine Spatz. „Doch, du wirst schon sehen“, entgegnete die Mutter. „Aber jetzt schläfst du erst mal, gute Nacht!“ Das Küken schloss die Augen, froh, dem Fliegen wieder entkommen zu sein.
Am nächsten Morgen stupste die Mama ihr Kleines an: „Los geht’s! Strecke dich, breite deine Flügel aus!“ „Aber ich habe Angst vorm Fliegen“ kiekste das Kleine wieder. „Du sollst ja auch gar nicht fliegen, Kleines, du sollst dich im sicheren Nest nur größer machen und deine Flügel ausbreiten, soweit du kannst. Mehr darfst du heute gar nicht“, scherzte sie.
Das Küken schaute skeptisch, aber da es ihm mittlerweile selbst unangenehm war, wie ängstlich es war, beschloss es, es einfach mal auszuprobieren. Es streckte und reckte sich, überrascht, wie groß es schon geworden war und dass es sogar ganz leicht aus seinem Nest herausschauen konnte, wenn es sich nicht darin verkroch. Und seine Flügel waren viel breiter als das Nest! Es übte das einige Tage lang, mit wohlwollenden Blicken seiner Mutter, die immer wieder sagte: „Nein, noch nicht fliegen. Nur schön weiterüben.“
Eines Tages streckte es seine Flügel so weit aus und bewegte sie aus dem Bauch heraus auf und ab, sodass es einen kleinen Hüpfer machte. Erschrocken japste es nach Luft und zog sich sofort wieder ins Nest zurück. Die alte Angst, sich zu verletzen oder zu blamieren, war sofort wieder da.
„Alles gut“, sagte die Spatzenmama, „Du entscheidest ganz allein, wie viel du dich traust.“
Am nächsten Tag war das kleine Küken neugierig, ob es wohl wieder einen kleinen Hüpfer hinbekommen würde. Denn so ganz tief im Inneren war da ein Kribbeln in ihm, das ihm ganz neu war. So hüpfte es mal ein wenig mehr, mal ein wenig weniger, probierte sich aus. Und genoss seinen erwachenden Mut und die Kraft, die es durch die Bewegung spürte.
„So ist es gut“, lobte ihn seine Mutter, immer wenn sie im Nest Halt machte, um ihr Nestküken zu füttern.
Mit jedem Tag traute sich der kleine Vogel etwas mehr. Er machte Pause, wenn ihm danach war. Und traute sich, wenn er den Mut dazu hatte. Mittlerweile hüpfte er wild flatternd auf dem Rand des Nestes auf und ab, sodass seine Mutter sogar manchmal Angst hatte, er würde aus Versehen hinunterfallen und dann wären alle Fortschritte wieder vorbei.
Eines Tages kam sie dann vom Jagen zurück und ihr Küken war nicht mehr im Nest. Erschrocken flog sie zum Boden, befürchtete schon, ihn dort zerschmettert am Boden liegen zu sehen. Doch nirgends war etwas von ihm zu sehen. Auf einmal hörte sie ein Flattern und Rauschen über sich und als sie den Kopf hob, sah sie ihren Jüngsten zwischen den Ästen umherfliegen.
„Ich kann fliegen, ich kann fliegen!“ tschilpte der junge Spatz. „Natürlich kannst du das“ freute sich die Mutter, erleichtert, dass ihr Söhnchen nun endlich seinem Wesen folgte und flog.
Letztendlich war es so, wie sie es sich gedacht hatte: Dieses Küken hatte einfach mehr Zeit gebraucht. Aber auch viele kleine Schritte, bis sein Wunsch zu fliegen, größer geworden war als die Angst zu versagen oder gar zu sterben.
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